30.11.2021

Wasserstoff – Hoffnungsträger oder Hype?

Er ist grün, blau, grau oder sogar türkis. Wasserstoff! Der Stoff, auf den sich gerade (wieder) alle Aufmerksamkeit richtet, wenn es um unsere nachhaltige Energiezukunft geht. Aber was ist da wirklich dran? Welche Rolle soll Wasserstoff in unserer Region, für unsere Wirtschaft und für unsere Energie- bzw. Kraftstoffversorgung spielen?

Das Thema ist mit großer Nüchternheit, aber dann auch mit Entschlossenheit anzugehen. Wasserstoff ist an sich kein leicht zugänglicher Stoff. Auch wenn er in unserer Natur sehr häufig vorkommt, ist er sehr reaktiv und nur mit enormem technischen Aufwand zu ‚bändigen‘. Es gibt zwischenzeitlich aber vielfältige technische Lösungen und auch echte Fortschritte, z.B. bei der Speicherung. Daher macht es viel Sinn, wenn wir in der Region Stuttgart hier am Ball bleiben.

Natürlich gilt: Nur „grüner“ Wasserstoff ist nachhaltig! Und hierfür benötigen wir zunächst einmal viel grüne Energie, also viel erneuerbaren Strom. Und hier liegt schon die erste Herausforderung. Der Wirkungsgrad von Strom zu Wasserstoff in der Elektrolyse liegt bei ca. 60, perspektivisch 70%. Im Vergleich zur direkten Stromnutzung verlieren wir also bereit einen Gutteil des aufwendig erzeugten Stroms. Für den Gesamtwirkungsgrad kommt es dann noch einmal darauf an, was wir mit dem Wasserstoff anfangen. Wieder in Strom rückverwandeln? Direkt verbrennen? Stofflich verwenden? Es bleibt das Problem, dass wir viel erneuerbaren Strom brauchen. Also wird der Import von Wasserstoff aus den sonnenreichen Regionen der Welt beschworen. Eine selbst bestimmte, von anderen Ländern unabhängige Energiewirtschaft sieht sicher anders aus.

Daraus folgt auch, dass Wasserstoff nicht für alle Sektoren und Anwendungen unmittelbar zur Verfügung steht. Für den PKW steht Wasserstoff sicher nicht an erster Stelle, da bleibt Strom entscheidend. Im Schwerlast- und Logistikbereich wird Wasserstoff schon eher benötigt. Und für die Industrie, z.B. die Stahlindustrie, ist Wasserstoff unabdingbarer Schlüssel zur Klimaneutralität. Brauchen wir aber den Wasserstoff als Brennstoffersatz für Erdgas in Kraftwerken, z.B. in Altbach? Und wie steht‘s mit der Infrastruktur und den Kosten? Werden wir die Elektrifizierung und auch die Wasserstoffwirtschaft parallel ausbauen können?  

Es ist hier nicht der Platz alle ‚Fürs‘ und ‚Widers‘ von Wasserstoff im Detail zu beschreiben. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass dicke Bretter zu bohren sind, wenn wir Wasserstoff zum Durchbruch verhelfen wollen. Bei aller Skepsis zum Thema Wasserstoff kann man festhalten, dass sich alle staatlichen Stellen auf Wasserstoff als Kerntechnologie einer nachhaltigen Zukunft festgelegt haben. EU, Bund und die Landesregierung Baden-Württemberg haben Strategiepapiere und teils große Förderprogramme zu Wasserstoff aufgelegt. Auch die Region hat inzwischen eine Wasserstoffstrategie. Der Durchbruch ist m.E. (anders als in den 90ern) vorgezeichnet.

Die Region Stuttgart möchte beim Wasserstoff gern dabei sein. Im Verband Region Stuttgart diskutieren wir dieses Thema seit geraumer Zeit. Als Region, die den „Produktionssektor“ als wirtschaftlichen Schwerpunkt benennt, ist das sinnvoll. Aber für unsere starken PKW-Unternehmen ist das eher nicht entscheidend (siehe oben). Die Region Stuttgart ist aber auch stark im Bereich Maschinen- und Anlagenbau. Brennstoffzellen – die zentrale Technologie für eine Wasserstoffwirtschaft – wurden hier bereits in den 90er Jahren, z.B. bei Daimler in Kirchheim-Nabern entwickelt, und auch in PKW (eher vergeblich, siehe F-Cell und Necar) eingesetzt.

Nach einer schon länger dahintröpfelnden Debatte, hatte die Region sich dieses Jahr für Wasserstoff viel vorgenommen. Im Frühjahr war zunächst eine Initiative gescheitert, ein regionales Förderprogramm aufzulegen. Auch wir hatten uns in der Fraktion dagegen gewandt,  da ein völlig zusammenhangloses Förderprogramm wenig Sinn macht. Wir wollten zunächst - ergänzend zum Landeskonzept „Wasserstoff-Roadmap BW“ - eine Wasserstoffstrategie für die Region entwickeln, die Schwerpunkte für unsere spezifische Wirtschaftsstruktur berücksichtigt. So kam es dann auch. Die regionale Strategie, die von der WRS zusammen mit ZSW, Fraunhofer und DLR ausgearbeitet worden war, wurde im Sommer vorgelegt [1].

Parallel hat sich die Wirtschaftsregion (WRS) auch um das Landesförderprogramm „Modellregion grüner Wasserstoff“ beworben. Trotz großer Konkurrenz, konnte die Region auch hier mit einem Erfolg punkten. Neben dem Projekt „Hy-Five“ (Ulm, LK Reutlingen und Alb-Donau) wurde auch die WRS mit dem Konzept „H2 GeNeSiS“ ausgezeichnet. Kern des WRS-Antrages ist die Errichtung eines breiten Netzwerkes an Wasserstoffakteuren rund um eine zu errichtende Wasserstoff-Pipeline im Neckartal. Darüber hinaus interessiert sich die Fa. Cellcentric, ein Joint Venture von Daimler Truck AG und der Volvo Group dafür, am Standort Weilheim im Gewerbegebiet Rosenloh eine Produktionsstätte für Brennstoffzellensysteme zu errichten. Da könnte, wenn alle Standortfragen geklärt werden können, ein innovatives Zentrum für die Zukunftstechnologie Brennstoffzelle entstehen.  

So sieht‘s in diesem Herbst dann so aus, als ob sich die Region endlich auf den Weg macht und beim Wasserstoff die nächsten konkreten Schritte geht. Da kann auch ein regionales Förderprogramm Sinn machen und soll jetzt quasi mit einem Testlauf in 2022 starten.

Was schon länger tröpfelte, wird jetzt endlich konkret(er).

Wir Grüne geraten beim Thema Wasserstoff nicht ins Schwärmen. Wasserstoff ist nicht der Heilsbringer für die nachhaltige Energiezukunft. Aber Wasserstoff wird ein wichtiger Teil davon sein! Realismus und Nüchternheit sind gefragt. Wir brauchen auch ein gesamthaft nachhaltiges Energiesystem. Nicht nur einzelne Komponenten. Und da wird Wasserstoff auch für die Sektorenkopplung eine wichtige Rolle spielen. Langfristig gilt: ohne Wasserstoff ist eine klimaneutrale Wirtschaft und Gesellschaft nur schwer vorstellbar. Wir sollten als wirtschaftsstarke Region hier Vorreiterin sein und die Weichen stellen.

 

Dr. Ludger Eltrop

Regionalrat und wirtschaftspolitischer Sprecher der Fraktion B90/Grüne im VRS                    

 


[1] https://wrs.region-stuttgart.de/nc/aktuell/publikationen/artikel/wasserstoff-und-brennstoffzellenstrategie-fuer-die-region-stuttgart.html

Kategorien:Themen Energie Klimaschutz
URL:https://www.gruene-es.de/home/aktuell-tt/article/wasserstoff-hoffnungstraeger-oder-hype/